Silvester 2017

Gottesdienst am Silvesterabend 2017

in der St. Martin Kirche von Bramsche

gehalten von Superintendent Hans Hentschel

 

Begrüßung

Kerzenanzünden

Die erste Kerze wird angezündet. Sie steht für all die Tage aus Gottes Hand, die wir an diesem Abend mitbringen und die nicht schön, die beschwerlich oder unausstehlich waren. Gott nimmt sie in seine Hände und birgt sie in seiner Mütterlichkeit. Gott ist hier!

Die zweite Kerze wird angezündet. Sie steht für all die Tage aus Gottes Hand, die wir an diesem Abend mitbringen und die schön und glücklich waren. Jesus Christus öffnet für sie seine Arme und nimmt sie auf in seiner Brüderlichkeit. Christus ist hier.

Die dritte Kerze wird angezündet. Sie steht für all die Tage aus Gottes Hand, die wir an diesem Abend mitbringen und die so ganz im Normalen und Alltäglichen geblieben sind. Der heilige Geist hat auch diese Tage getrieben und wirkt in Unscheinbarkeit. Der Geist Gottes ist hier.

So sind wir beisammen im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen 

Lied EG 333, 1 – 6 ‚Danket dem Herrn …‘

Nach Psalm 121

Entfalteter Bittruf: An diesem letzten Abend eines Jahres kommen wir vor Gott und erkennen, dass uns das Jahr immer wieder kleinmütig, zweifelnd und dem Wort Gottes gegenüber nachlässig gesehen hat. Immer wieder haben wir den Fremden nicht geliebt, das Neue nicht gewagt, sind dme Unbequemen ausgewichen und haben das Beten versäumt. Wir bitten Gott darum, dass er uns im Jahr 2018 seiner Gnade gewiss bleiben lässt und dass er alles, was im Jahr 2017 schief gelaufen ist, mit seiner Liebe zudeckt. Wir vergewissern und singen:   

Liedruf EG 56 ‚1 ‚Weil Gott in tiefster Nacht erschienen …‘ 

Entfaltetes Gloria: Ja, Gott wird mit seiner Gnade bei uns bleiben und der Mantel seiner Liebe wird unser Versagen und Verzagen decken. Dann werden wir mutig den Ruf seines Sohnes in die Nachfolge hören. Wir werden den Dummen widersprechen, den Bösen nicht folgen, die Lässigen korrigieren und dem Schlimmen unsere Gebete entgegensetzen. Es wird gelingen, dass durch Gottes Erbarmen die Welt durch uns besser wird. Gottes gute Macht wird uns bergen und das Morgen kann kommen.

Lied EG 65, 1 + 2 + 5  ‚Von guten Mächten treu und still umgeben …‘ (Melodie im Gesangbuch) 

Der Herr sei mit euch …

Tagesgebet: Heiliger Gott, am letzten Abend dieses Jahres kommen wir zu dir und danken dafür, dass auf jeden Abend ein neuer Morgen folgt. Darauf können wir uns auch jetzt verlassen. Tage und Nächte sind nicht immer ohne Mühen oder Sorgen oder Nöte oder Belastungen, aber sie kommen und gehen. In dieses Kommen und Gehen der Tage hast du das Kommen und Gehen von Freude und Leid eingeschlossen. Nichts ist endlos: weder das Glück, noch die Not. Du aber bleibst und du bist Anfang ohne Ende. Segne unser Zusammensein und schenke uns deine Liebe. Das bitten wir in Jesu Namen, der mit dir in Zeit und Ewigkeit, regiert und liebt. Amen   

Schriftlesung

Glaubensbekenntnis

Lied

Predigt

Ich lese aus dem 37. Psalm:

Entrüste dich nicht über die Bösen, sei nicht neidisch auf die Übeltäter.

Denn wie das Gras werden sie bald verdorren, und wie das grüne Kraut werden sie verwelken.

Hoffe auf den HERRN und tue Gutes, bleibe im Lande und nähre dich redlich.

Habe deine Lust am HERRN; der wird dir geben, was dein Herz wünscht.

Befiehl dem HERRN deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohlmachen

und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag.

Sei stille dem HERRN und warte auf ihn.

In diesem Psalm findet der Liederdichter Paul Gerhardt den Aufhänger für eines seiner bis heute bekanntesten Lieder. Im Gesangbuch unter den Nummer 361. ‚Befiehl du deine Wege …‘. Ich habe mich entscheiden, Ihnen heute abend dazu drei kleine Geschichten zu erzählen.

1. Es war im Kurpark in Bad Nenndorf im Oktober 1962.

Ein schöner geradezu sommerlicher Herbsttag. Meine Eltern gingen mit mir und meinem Bruder, der im Kinderwagen lag, spazieren. Ich durfte schieben. Beim Bergabgehen machte es mir Freude, den Kinderwagen loszulassen, ihn voraus rollen zu lassen, hinterherzulaufen und ihn dann wieder einzufangen. An einer besonders steilen Stelle kam ich nicht mehr hinterher. Der Kinderwagen war einfach zu schnell.

Mein Vater versuchte es, den Wagen einzuholen. Es ging nicht!

Der Kinderwagen fuhr in einer der Waldwegkurven geradeaus … und raste in einen der riesigen von den Kurgartengärtnern zusammengerechten Laubhaufen.

Meinem Bruder, der aus dem Wagen geschleudert wurde, war absolut nichts passiert, außer dass er brüllte wie am Spieß.

Mein Vater nahm ihn auf den Arm und nannte ihn den kleinen Mose obwohl er doch Didi hieß.

Warum?

Weil Mose als Baby auf dem Nil ausgesetzt wurde. In einem Weidenkorb und dann ganz allein von der Strömung des Flusses getrieben in einer Biegung im Schilf hängenblieb.

Mordsgefährlich war diese Reise auf dem Fluss, wie eine herrenlose Kinderwagenfahrt bergab im Kurpark von Bad Nenndorf.

Und Mose ist auch nichts passiert. Brüllend wurde er von der Tochter des Königs von Ägypten aus dem Schilf gehoben und dann aufgezogen.

Wenn ich heute daran denke, wie viele gefährliche Wege ich selbst oder meine Kinder oder unsere Freunde ohne Schaden überstanden haben, dann bleibt mir wenig anderes zu tun, als Gott ein Dankeschön zu sagen.

Schon oft bin ich aus der Kurve des Lebens geflogen und konnte trotz erschrockenen Weinens oder Stöhnens sagen: ‚Nix passiert!‘

Jedenfalls nichts, was meinem Leben generell die Freudentage nahm.

Was alle diese Erfahrungen, der möglichen Bedrohungen, die überstanden wurden, meinem Leben allerdings gegeben hat, ist der Glaube, dass Gott in den gefährlichen Kurvenlagen des Lebens dabei war. Auch 2017.

Wege, die wir im Leben gehen, sind Wege, die auch in gefährliche Kurvenlagen führen können. Darum gibt Paul Gerhardt in poetisch verdichteter Form den Rat:

‚Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, wo dein Fuß gehen kann.‘

‚ … und was dein Herze kränkt …‘ Na klar! Viele von uns haben in diesem Jahr solche Laubhaufenerfahrungen machen können, sind weich gefallen oder sind wie Mose im Binsenkorb glücklich irgendwo hängengeblieben und wurden freundlich aufgehoben. Aber andere haben herzekränkende Erfahrungen gemacht. Kein Laubhaufen, keine Tochter des Pharao.

Paul Gerhardt lebte in Zeiten als die Pest  in Deutschland wütete. Von fünf Kindern starben ihm vier und er schreibt:

‚Hoff, o du arme Seele,

hoff und sei unverzagt. Gott wird dich aus der Höhle, da dich der Kummer plagt, mit großen Gnaden rücken, erwarte nur die Zeit …‘

2. Dieses Lied aus dem Gesangbuch konnte ich sehr früh in manchen Versen auswendig. Das kam so:

Meine Großeltern kommen von einem ziemlich großen Gut in Schlesien.

Am 18. Januar 1945 mussten sie fliehen. Mussten alles zurück lassen. Das ganze großbürgerliche Ambiente auf einem Leiterwagen, gezogen vom einzigen auf dem Hof verbliebenen Pferd, weil die anderen alle eingezogen waren.

Mein Opa ließ die Tiere laufen und erschoss zwei Bernhardinerhunde, die nicht mit auf den Treck sollten. Darüber verlor er den Verstand.

In einem kleinen Dorf in der Nähe Alfelds lebten die Großeltern, ein Junge war auf dem Treck verlorengegangen, drei waren irgendwo in Kriegsgefangenschaft oder noch im Krieg. Sie teilten sich bei einem Bauern, der im Gegensatz zum verlorenen Gut mit seinen Ländereien eine kleine Klitsche betrieb, ein Zimmer. Mein Großvater starb in diesem Zimmer ohne wieder zu Verstand gekommen zu sein.

Nun besuchten wir unsere Oma oft und fuhren dann auch auf den kleinen Friedhof, wo Opa begraben lag. Ich hatte ihn nie gekannt, stand dann am Grab und besah mir meine Leute, die da traurig standen.

Wir hatten, bis wir da standen, einen kleinen Weg hinter uns. Der Friedhof wurde durch ein kleines quietschendes schmiedeeisernes Tor betreten. An diesem Tor blieben wir stehen und Oma betete: ‚Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt …‘ bis ‚Mit Sorgen und mit Grämen und mit selbsteigner Pein, lässt Gott sich gar nichts nehmen, es muss erbeten sein.‘

Dann erst gingen wir weiter und am Grab angekommen sprach Oma: ‚Hoff, o du arme Seele, hoff und sei unverzagt …‘ bis ‚… so wirst du schon erblicken die Sonn der schönsten Freud.‘

Dann ging so eine Geschäftigkeit los. Meine Mutter zupfte Unkraut, mein Vater brachte die vergammelten Blumen weg, und Oma pflanzte irgendwas Neues oder wusch den Stein ab. Meien Schwester oder ich mussten Wasser in einer der Friedhofskannen holen.

Dann wurde es noch einmal ruhig und Oma sagte: ‚Auf, auf, gib deinem Schmerze und Sorgen gute Nacht, lass fahren, was das Herze betrübt und traurig macht …‘.

Und dann gingen wir bei den Bauersleuten Kaffee trinken und ich verschwand im Pferdestall.              

Das Leben hat für Menschen auch Wege, die nur mit großer Kraft, mit großem Mut und mit allerlei Verzweiflungen gegangen werden können. Aber es sind Wege mit Gott. 

Mögen es doch für Sie in 2017 wenige oder keine gewesen sein und wenn doch, wir wissen ja von manchen, bei denen es so war: mögen es trotzdem Wege im Gottvertrauen gewesen sein.

3. Was andres: 1. Januar 2017. Besuch bei uns in Bramsche. Wir hatten einfach Zeit. 

Da habe ich zusammen mit meinem besten Freund die Carrera Bahn von Hans Christoph aufgebaut, obwohl der schon wieder in seinem Zuhause in Tecklenburg war.

Zwei alte Kerle auf dem Boden im Wohnzimmer, zusammen 120 Jahre alt stecken Carrera Schienen zusammen.

Wir eine Acht gebaut, mit Unterführung. Und dann sind wir Rennen gefahren, wie damals als Jungs.

Beim Rennen bin ich immer wieder aus den Kurven rausgeflogen. Das ist schwierig, das Tempo soweit zurückzunehmen, dass man nicht aus der Fahrspur gerät und wenn du rausfliegst, dann kostet dich das Zeit. Dann muss man hin und das Auto wieder in die Spur setzen.

Und wie so mal wieder meinen Rennwagen in die Spur setze, da muss ich an dieses alte - ach was, an dieses ‚uralte‘ - Lied aus dem Kirchengesangbuch denken.

Wir carreraspielnde älteren Männer haben es als Jungs im Konfirmandenunterricht mal auswendig lernen müssen – ich konnte es schon fast -, und hatten uns schon damals gegenseitig vor den Konferstunden abgefragt.

Ich sage da im Wohnzimmer der Superintendentur am Boden liegend, meinen Rennwagen wieder in die Spur setzend, aus heiterem Neujahrshimmel. 

‚Sag mal, kennst du eigentlich noch das Lied ‚Befiehl du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des der Himmel lenkt?‘

‚Wie kommst du denn jetzt darauf? Das kenne ich noch aus Konfer und deine Oma hat es doch immer gesungen … aber ich kann es nicht mehr auswendig …‘

Ich sage weiter: ‚Der Wolken, Luft und Winden, gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden …‘

‚… dass du nicht aus der Kurve fliegst,‘ unterbricht mein Freund.

Da müssen wir beide laut lachen.

Diese Situation hat mich verfolgt und während ich an dieser Predigt saß, war mir klar: Ich will sie auch noch erzählen. Denn ich denke heute so am Ende eines alten Jahres und vor dem knallenden Beginn eines neuen Jahres mit 365 Tagen: ‚Niemand von uns weiß, welche Kurven uns das kommende Jahr bringen wird. Und ob wir vielleicht manchmal die Spur verlieren aber im Vertrauen darauf, dass Gott uns immer wieder in die Spur der Liebe setzt und bei uns ist, können wir das Jahr 2017 verabschieden und dann loslegen mit dem Jahr 2018‘.

‚Dem Herren darfst du trauen wenn dir‘s soll wohl ergehen…‘.

So segne Ausgang und Eingang der allmächtige Gott. Amen

Ich lese vor dem nächsten Lied noch einmal aus dem 37. Psalm:

Die Bösen werden ausgerottet; die aber des HERRN harren, werden das Land erben.

Die Elenden werden das Land erben und ihre Freude haben an großem Frieden.

Der Frevler droht dem Gerechten und knirscht mit seinen Zähnen wider ihn.

Aber der Herr lacht seiner; denn er sieht, dass sein Tag kommt.

Der HERR kennt die Tage der Frommen, und ihr Erbe wird ewiglich bleiben.

Sie werden nicht zuschanden in böser Zeit, und in den Tagen des Hungers werden sie satt werden.

Von dem HERRN kommt es, wenn eines Menschen Schritte fest werden, und er hat Gefallen an seinem Wege.

Fällt er, so stürzt er doch nicht; denn der HERR hält ihn fest an der Hand. AMEN

Lied EG 361, 1 + 8 ‚Befiehl du deine Wege …

Musik mit Möglichkeit zum Entzünden einer Kerze

Vaterunser

Lied EG 347, 1 – 6 ‚Ach, bleib mit deiner Gnade …‘

Segen  

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