Wochengruß von Pastor Bernd Schreinecke-v.Clausewitz

Ein Zuhause bei Gott

mmer klingelte der Wecker zu früh! Aber es half ja nichts: der Schulbus würde nicht warten. Also raus aus dem Bett, noch ein wenig benommen von der Nacht Zähne putzen und waschen. Schnell ein Marmeladenbrot herunterschlingen, weil seine Mutter das so wollte: „Ohne Frühstück gehst du mir nicht aus dem Haus!“.
An der Bushaltestelle wie jeden Morgen kichernde Mädchen. Rangelnde Jungs, die sich gegenseitig an Coolness zu überbieten versuchten. Der regelmäßig schlechtgelaunte Busfahrer juckelte den klapprigen Bus eine knappe Stunde über die Dörfer. Es roch nach Schweiß, billigem Deodorant und Angst vor der Mathearbeit. Vor dem großen Schulgebäude hielten dutzende weitere Busse. Lehrer auf einem Fahrrad rauschten vorbei. Lehrerinnen kletterten aus ihrem Kleinwagen, wichtig aussehende Aktentaschen unter dem Arm. Er reihte sich ein in diesen menschlichen Lindwurm, der dem Schuleingang entgegen strebte.
Gehörte er zu denen dazu? War er nur einer dieser knapp 5.000 Schüler seiner Integrativen Gesamtschule? Er wusste es nicht. War sich sehr unsicher.
Die Mitschüler seiner Klasse beachteten ihn kaum, wenn er jeden Morgen den Klassenraum betrat und seinen Platz aufsuchte.
Das Geräusch des Gongs zum Unterrichtsbeginn riss ihn aus seinem minutenlangen Tagtraum und wirkte handschweißtreibend. Was er damals nicht ahnen konnte: dieses Geräusch würde noch jahrzehntelang in seinen Ohren nachklingen.
Nach sechs oder acht Unterrichtsstunden wiederum eine Stunde mit dem Bus über die Dörfer zurückjuckeln.
Im Sommer waren seine Eltern bei der Feldarbeit und das Essen war warm gestellt.
Aber im Winter war immer jemand da, wenn er aus der Schule zurückkehrte.
Meistens roch es dann nach frisch gekochtem Essen, manchmal sogar nach warmer Backstube. Gesichter, die ihm freundlich waren empfingen ihn. Er genoss die Ruhe und die Aufmerksamkeit für seine Erlebnisse eines anstrengenden Vormittages: „Erzähl doch mal!“ Die Sicherheit und die Geborgenheit seines Zuhauses. Menschen, die ihn gern mochten.
Dann ahnte er und war sich manchmal sogar sicher: „Das Leben meint es gut mit mir!“
Solche Tage – manchmal waren es nur Momente – warfen ein schmales Licht auf das, was allen verheißen ist und wohin ihn seine sehnsuchtsvollen Tagträume gelegentlich trugen.
Ein Zuhause haben. Sich nicht erklären müssen. Angenommen und bejaht sein. Versöhnt mit sich selbst und den anderen und mit der Welt. Und mit Gott, der ebenfalls freundlich zu sein schien.
„So entsteht in der Welt etwas, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“ (Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung)

„So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. Epheser 2,19

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Zum sechsten Mal schreiben Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakone des evangelisch lutherischen Kirchenkreises Bramsche eine wöchentliche Kurzandacht unter der Rubrik des "Wochengrußes". Nachdem die Wochensprüche, Lieder und Lutherzitate ausgelegt worden sind, werden in diesem Jahr biblische Geschichten in der gebotenen Kürze von 2000 Zeichen erzählt. Dabei geht es nicht allein darum die Bibel nachzuerzählen, sondern auch das eine oder andere in einem neuen Genre zu präsentieren. Wir freuen uns, wenn wir auch in diesem Jahr mit dem Wochengruß viele erreichen, die sich gern und freudig auf dieser Seite unseres Internetauftritts bewegen. Seien Sie uns herzlich willkommen! Wenn Sie die AutorInnen selbst kennenlernen wollen, finden Sie in den Gottesdiensten im Kirchenkreis sicher die eine oder die andere, die hier geschrieben hat.