Wochengruß von Pastor Jürgen Kuhlmann

Ein mutiger Typ

Ich bin gespannt, was das für ein Typ ist, dieser Jesus. Heute soll er nach Jericho kommen.
Ist ja gar nicht so weit. Eine gute Gelegenheit, mal zu gucken, was an ihm dran ist. Dieser Hype um Jesus …verrückt. Manche sagen sogar, dass er der Sohn Gottes ist. Die Leute tun so, als wäre er ein Popstar. „Heute live on stage: Jesus von Nazareth.“ Quatsch. Ist wahrscheinlich auch so ein Spinner wie die anderen, die durch´s Land ziehen.
Gleich bin ich da. Mann, Mann, Mann, sind hier viele Leute. Die meisten sind wahrscheinlich genauso neugierig wie ich. Ach, guck mal an. Da vorne sitzt ja auch Bartimäus. Der Arme. Sieht nichts. Muss betteln. Und dann muss er sich auch noch von anderen anhören, dass er selber Schuld hat an seiner Situation. „Wer blind ist, der wurde von Gott bestraft. Krankheiten sind eine Strafe Gottes. Sünder sind es. Mit denen wollen wir nichts zu tun haben.“
Ja, das meinen viele. Ich glaube das nicht. Was Jesus wohl dazu sagt?
Da ist er ja, dieser Jesus. Und seine Anhänger sind auch dabei. Jünger nennen sie sich.
So jung sind die gar nicht. Wer ruft denn da? Ich glaube, es ist Bartimäus. „Jesus, hab Mitleid mit mir!“ Gleich wird er Ärger bekommen. Und schon passiert´s. „Halt´s Maul!“ ruft einer.
Ich würde jetzt meinen Mund halten. Bartimäus nicht. Jetzt schreit er sogar: „Jesus, hab Mitleid mit mir.“ Ganz schön mutig. Was Jesus wohl macht? Geht er einfach vorbei? Vielleicht meint er auch, dass Bartimäus ein Sünder ist, den man meiden sollte … Nein. Jesus bleibt stehen. Irgendwas sagt er. Ich habe das nicht verstanden. Aber jetzt springt Bartimäus hoch. Hat er gar keine Angst, dass er mit anderen zusammenrasselt? Er geht zu Jesus. Ich muss mich mal nach vorne drängeln, sonst höre ich gar nichts... Die beiden reden miteinander. „Was soll ich für dich tun?, fragt Jesus. Eine dumme Frage, finde ich. Bartimäus möchte wieder sehen. Das ist doch klar. Moment … was sagt Bartimäus? Siehste. „Ich möchte wieder sehen.“ sagt er. Was Jesus jetzt wohl sagt? „Geh hin, dein Glaube hat dir geholfen.“ Alle gucken gespannt auf Bartimäus. Bartimäus dreht seinen Kopf. Ein ungläubiger Blick. Ich sehe ein Lächeln in seinem Gesicht. Unglaublich. Bartimäus kann tatsächlich wieder sehen. Er sagt etwas zu Jesus … „Ich möchte zu dir gehören. Ich werde mit dir durch´s Land ziehen. Ich werde den Menschen erzählen, was ich erlebt habe.“
Ich weiß nicht so recht. An diesem Jesus ist ja doch mehr dran als ich gedacht habe.
Er ist jedenfalls nicht der Meinung, dass jemand, der krank ist, von Gott bestraft wurde.
Sonst hätte er Bartimäus nicht geholfen. Ich glaube, Jesus meint, dass wir niemanden ausschließen sollen aus unserer Gemeinschaft. Ob sich alle daran halten? Ich bin gespannt.
(nachzulesen in der Bibel: Neues Testament, Markus-Evangelium, Kapitel 10, Verse 46-52)

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Zum siebten Male schreiben Pastorinnen und Pastore, Diakoninnen und Diakone für den Wochengruß, der hier zu lesen ist. Dabei haben in diesem Jahr alle nachgeschaut, was sie schon mal für die Zeitung geschrieben hatten. Die Zeitungen in unserem Kirchenkreis erlauben uns an jedem Samstag ‚Gedanken zum Sontag‘ zu veröffentlichen. Viele machen dabei regelmäßig mit. Nun finden Sie im Wochengruß eine dieser Zeitungsandachten aus den vergangenen Jahren wieder. Das Motto lautet: ‚Weil’s in der Zeitung stand …‘. Zum kommenden Jahr werden diese gesammelten Wochengrüße dann in einem Kirchenkreisbuch veröffentlicht, das alle Mitarbeitenden in den Gemeinden als Geschenk des Kirchenkreises mit Dank für ihr Engagement erhalten.