Wochengruß von Kirchenkreisjugendwart Stephan Egbert

Nachricht 31. Oktober 2018

Als Kirchenkreisjugendwart träume ich einen Traum: Viele Jugendliche machen sich in der Nacht zum Reformationsfest auf und besetzen eine Kirche. Da stehen dann am nächsten Tag Transparente, auf denen zu lesen ist: Hier wohnen wir Jugend-lichen zusammen mit Gott. Und laute Musik aus der extra dafür geliehenen Verstärkeranlage ist für alle zu hören. Die Texte der dazu gesungenen Lieder sind mal englisch – ‚Jesus, you are my hope …‘ – und mal deutsch ‚Da berühren sich Himmel und Erde …‘. Und die Jugendlichen laden alle ein: ‚Heute mal Gottesdienst zu unseren Bedingungen‘. Da wird miteinander geredet und nicht geflüstert, da stehen welche auf und andere sitzen mit verschränkten Beinen auf dem Teppich im Altarraum. Einer liest aus der Bibel vor, dass es Jesus egal gewesen ist, ob jemand cool oder uncool war, einen Doktortitel hatte oder Hartz IV bezog, aus Somalia oder Levern kam. Und die älteren Erwachsenen staunen darüber wie unkompliziert Kirche sein kann. Ob Du zum Beten aufstehst oder sitzenbleibst, ob du nach der Evangeliumslesung ‚Lob sei dir, o Christe‘ singst oder nicht, das ist nicht so wichtig. Ganz im Mittelpunkt des Gottesdienstes steht Gott, der durch Jesus sagen lässt: ‚Ob du Alt oder Jung bist, ob du Musik der Band liebst oder Orgelklänge, ob du mit einer Fünf in Deutsch oder als gerade frisch eingestellter Diplom Ingenieur hier dabei bist, dein Glaube reicht, um in den Himmel zu kommen, wenn du mal da bist.‘ 

Als Kirchenkreisjugendwart weiß ich, dass der Reformator Dr. Martin Luther kein Anarchist gewesen ist. Er wollte Ordnung in seiner Kirche, aber die Kirche ist oft wie ein ‚englischer Rasen‘, auf dem man kein Fußball spielen darf oder wie eine ‚gute Stube‘, in der das Toben verboten werden muss, weil so viel teures Porzellan herumsteht. Klar finde ich Ordnung auch gut! Aber unsere Jugendlichen haben noch mehr Chaos ins sich als wir Erwachsenen. Der Reformationstag erinnert daran, dass Christinnen und Christen ‚freie Menschen‘ sein dürfen, denen man nicht mit tausend Verboten oder Vorschriften kommen soll. 

Ich träume davon, dass die Jugendlichen am Reformationstag, der in diesem Jahr zum ersten Mal wieder ein schulfreier Tag sein wird, etwas von der Freiheit spüren können, sich zu trauen, zu sagen: ‚Hey du, ich bin ein Christ!‘ Und dass sie sich dann aufmachen und in den Gemeinden, die vor allem aus älteren Herrschaften bestehen, sagen: ‚Leute, rückt doch mal ein Stück 

beiseite! Wir wollen auch auf die Kirchenbank! Aber wenn wir sie mit euch teilen, dann soll sie auch mal so sein, wie wir sie wollen. Einmal seid Ihr dran mit eurer Liturgie und dem Talar und all der Ernsthaftigkeit und einmal sind wir dran mit unserer Musik und Jeans, die an den Knien aufgeschnitten sind und mit neuen Worten und mit jungen Tönen.‘ 

Ich stelle mir vor, dass Jugendliche zu Martin Luther gehen und ihm sagen: ‚Wir machen mit, wenn wir auch vorkommen dürfen. Wir sind dabei wenn wir nicht immer nur artig sitzen müssen. Wir leben Kirche wenn Jesus auch unser Bruder sein darf.‘ 

Und Martin Luther – so träume ich – hält den so sagenden Jugendlichen die Händfläche hin, sagt: ‚Give me Five!‘ und klatscht dann: ‚Deal! Abgemacht!‘ 

Das wäre ein großartiger Reformationstag! 

Stephan Egbert, Bramsche