Wochengruß von Superintendent Hans Hentschel

Nachricht 11. November 2018

Das Kirchenjahr geht früher zu Ende als das Kalenderjahr. Zum Ende des Kirchenjahres werden die Gemeinden eingeladen, sich auf das Wichtige im Leben zu besinne, das noch getan werden kann, bevor die Möglichkeit dazu vorbei ist. 

‚Mutter, ich werde mich mit meinem Bruder eines Tages aussöhnen,‘ sagt der 48jährige Wolfgang, der sich wegen eines Eichenschranks beim Erbe mit seinem Bruder Adalbert so zerstritten hat, dass beide seit 19 Jahren keinen Kontakt mehr haben. Und dann verunglückt Adalbert mit seiner Harley tödlich. Und Mutter und Bruder weinen bei der Beerdigung hemmungslos. Die Mutter um ihren geliebtenSohn. Der Bruder um die verpasste Gelegenheit, noch Versöhnungsworte zu suchen. 

Es gibt nicht immer ein Morgen. Das wird zum Ende des Kirchenjahre gepredigt. Wir Menschen wünschen uns das, aber Heute kann auch der letzte Tag der Möglichkeiten sein. 

‚Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf Morgen‘, sagte ein Sprichwort meiner Jugend. Ich habe es schon lange nicht mehr gehört! 

Es gibt eine Ende der Möglichkeiten. 

Sogar die Welt kommt irgendwann an ein Ende. Davon wird in diesen Tagen in den Kirchen gesprochen. Und es wird gesagt: Das mögliche Ende bringt uns nicht in Weltuntergangsstimmung, sondern in Weltgestaltungsstimmung. Wir richten die Welt so ein, dass wir sie am allerliebsten, für immer behalten wollen. 

Wer sein eigenes Ende bedenkt, der fängt an aktiv zu werden. 

Schreibt Liebesbriefe, schreibt Entschuldigungen, bezahlt offene Rechnungen, ordnet seine Unterlagen, will am liebsten kein Chaos hinterlassen. 

Wenn ich in den Urlaub fahre, räume ich mein Zimmer und meinen Schreibtisch auf. Beides prägt sonst eine Unordnung, die nur ich beherrsche und durchschaue. ‚Wenn mir etwas passiert, soll es nicht so schwer sein, alles zu finden,‘ sage ich zu meiner Mitarbeiterin im Büro. Die sagt: ‚Es passiert ja hoffentlich nichts.‘ Ich sage: ‚Ich hoffe das auch! Aber es gibt die Möglichkeit, dass das Ende aller Möglichkeiten kommt.‘ 

In der Kirche beten wir: ‚Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.‘ 

Ich bete das immer anders: ‚Herr, lehre uns bedenken, dass unsere Zeit auf dieser Welt begrenzt ist, weil wir dann lernen, klug zu leben.‘ 

Kluges Leben ist Leben, das damit rechnet, dass es morgen nicht mehr möglich ist, sich mit dem Bruder zu versöhnen, dem Partner zu sagen, dass man ihn braucht und liebt, dem Enkel über den Kopf zu streichen, den achtlos von anderen weggeworfenen Müll aufzuheben und in den Mülleimer zu bringen, den Brief zu schreiben, der noch nötig ist, das Testament zu machen, seine Beerdigung zu planen … oder seinen Frieden mit Gott zu machen, den man sich eigentlich erst fürs Alter aufgehoben hatte … 

‚