Wochengruß von Pastor Friedrich Hülsmann

Nachricht 02. September 2018

Kennt jemand die Geschichte von Erino Dapozzo? Weihnachten 1943 steht er vor dem Kommandanten eines Konzentrationslagers. Der sitzt an einer festlich gedeckten Tafel. „Ihre Frau ist eine gute Köchin, Dapozzo … Seit Jahren schickt Ihre Frau Pakete mit kleinen Kuchen, die ich immer mit Behagen gegessen habe.“ Dapozzo darf nicht einmal an den Kuchen riechen. Nach dem Krieg ist der Kommandant untergetaucht. Aber Dapozzo spürt ihn auf: „Ich bin die Nummer 17531. Erinnern sie sich an Weih-nachten 1943?“ „Sind sie gekommen, um sich an mir zu rächen?“ Dapozzo holt einen Kuchen seiner Frau hervor. Schweigend sitzen sie am Tisch und essen. Unter Tränen bittet der Kommandant ihn um Verzeihung.

Geistliche Menschen sollen wir sein. Vom Heiligen Geist sollen wir uns leiten lassen. Deshalb kann uns nicht jedes Mittel recht sein. Unheiliger Eifer, zornige Reden, raffinierte Rhetorik, demagogische Taktik – davon können wir uns nur abkehren. Wir Christenmenschen leben wohl in der Welt, aber unsere Mittel müssen geistlich sein. Deshalb kann es geboten sein: daß wir zu einer Verleumdung schweigen, daß wir demütig den unteren Weg gehen, daß wir auf unser legitimes Recht verzichten. Wie groß ist die Versuchung: zu bissiger Polemik, zu kirchlichem Machtkampf, zu zerstöre-rischer Herrschsucht, zu Vergewaltigung der Schwachen! Ein solcher Kampf ist sinn-los.  Dem „altbösen Feind“ dient er mehr als der Sache Gottes.

Für Martin Luther ist die „geistliche Waffenrüstung“ von höchster Bedeutung gewesen. Ein Beispiel aus dem Jahr 1521 kann das deutlich machen. Auf dem Reichs-tag in Worms soll er zur Rechenschaft gezogen werden. Eine tödliche Feindschaft wird ihm entgegenschlagen. Wie bereitet er sich auf die zu erwartenden Intrigen vor? Indem er das Neue Testament aufschlägt und sich mit der Passionsgeschichte beschäftigt. Auch Jesus ist schließlich verhört worden. Was hat er auf die Anklage geantwortet? Wann hat er geschwiegen? Wie hat er sich zu den falschen Zeugen verhalten? Die Botschaft der Heiligen Schrift überzeugt mich: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem. (Römer 12, 21)

Dapozzo, der Major der Heilsarmee, erzählt: „Der Teufel flüsterte mir zu: ‚Hasse ihn, Dapozzo, hasse ihn!‘ Wieder betete ich gegen den Hass an um Liebe.“ Die Versöh-nung zur Geltung bringen – welch eine Aufgabe! Bemerkenswert ist in unserem Zusammenhang die Stimme des Kolumnisten Harald Martenstein: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass man Hass nicht mit Gegenhass austreiben kann und auch nicht mit ‚Aufklärung‘ oder allein mit Sozialpädagogik. Die von vielen belächelte scheinbar naive Idee des Christentums, dem Hass mit Liebe zu begegnen, kommt mir da vergleichsweise rational vor. Man muss diesen Leuten zeigen, dass sie für die anderen kein Dreck sind, das wäre schon mal ein Anfang.“

Pastor Friedrich Hülsmann, Quakenbrück