Wochengruß von Pastor Andreas Siemens

Nachricht 28. Oktober 2018

Vor sechzig Jahren war die Rede von Gott umstritten. Die Theologie Karl Barths war auf dem Höhepunkt ihrer allgemeinen Anerkennung. Damals wurden Sätze populär, in denen zum Ausdruck gebracht wurde: ohne Jesus wäre ich Atheist. Mit Gott konnte man wenig anfangen, mit Jesus Christus glaubte man viel anfangen zu können.

Da hat sich inzwischen viel wieder geändert. Von Gott wird wieder mehr gesprochen. Dagegen kann man mit Jesus Christus wenig anfangen. Dabei geht es bei Gott aber nicht so sehr um den Vater Jesu Christi, sondern um den Schöpfergott, wobei man dann oft nicht weiß, ob der Schöpfer oder doch eher die Schöpfung gemeint ist.

Der Wochenspruch für die Woche nach dem 23. Sonntag nach Trinitatis bezieht sich auf den eigentlichen Auftrag der Kirche: „Denn bei Dir ist die Vergebung, dass man Dich fürchte.“ Das steht im Zentrum der christlichen Verkündigung: Gott vergibt uns unsere Schuld. Wir dürfen zu ihm kommen und bei ihm all das loswerden, was uns bei ehrlicher Selbstbetrachtung bedrückt. Da ist dann nicht die Rede davon, dass Gott uns annimmt, so wie wir sind. Vielmehr erneuert uns Gott im Zuspruch der Vergebung so, dass wir zu ihm kommen können.

Aus dem, der Gott nicht fürchtet, wird durch die Vergebung zu jemandem, der Gott fürchtet. Gott fürchten, heißt ihm die Ehre zu geben, nach seinem Willen und Gebot leben zu wollen und bei allem, was man zu bedenken und zu entscheiden hat, danach zu fragen, wie wohl die Gottesfurcht damit zu vereinbaren ist.

Gerade der, dem Vergebung zuteil geworden ist, beginnt Gottes Wort und Liebe ernst zu nehmen. Das ist das einhellige Zeugnis des Neuen Testaments und das der Kirche Jesu Christi zu allen Zeiten.

Dabei weiß der christliche Glaube, dass die Vergebung ein Vorgang ist, den wir in dieser Welt ständig bestreiten. Vergebung ist ein Wunder, nichts Selbstverständliches. Um das zu wissen, bedürfte es nicht der Philosophen, die uns diese Unmöglichkeit immer wieder einhämmern. Bereits jede alltägliche Erfahrung mit dem Leben zeigt uns, wie sehr die Vergebung uns gegen den Strich geht. Aber genau das, was wir nicht glauben mögen, gibt es als Wirklichkeit im Glauben. Denn der traut Gott zu, was sonst unmöglich ist.  

Andreas Siemens, Pfarrer an St. Johannis - Engter